Perspektivwechsel

Im Israel Museum – Die archäologische Freakshow

Jetzt hat Peggy das Wort. Ihre Persönliche Sicht auf die Archäologischen Exponate möchte ich Euch nicht vorenthalten. Sie schafft Wissen, was zum Nachdenken anregt und Auge und Sinne schärft. Klug und humorvoll! Lest selbst!

„Das Eintreten in diesen 50.000 qm großen Palast der Kultur und der Kunst löst bei mir erst einmal Minderwertigkeitskomplexe aus – wie auch vorher schon der Louvre, das British Museum oder das MoMA. Archäologie aus zehn Jahrtausenden, aus dem Nahen Osten und von anderswo, jüdische Kultur und Ethnologie, europäische und israelische Kunst der letzten fünf Jahrhunderte. Von den berühmten Qumran-Rollen einmal abgesehen. Werde ich gebildeter rausgehen, als ich reingekommen bin? Werde ich dieses mir noch so fremde Israel hier besser kennenlernen und verstehen? Eingeschüchtert klammere ich mich an meinen Audio-Guide wie an einen geliebten Lehrer.

Im ersten Saal, in dem bearbeitete Elefantenzähne und menschliche Schädelfragmente vom Urschleim unserer Zivilisation erzählen, bleibe ich an fünf unheimlichen Masken hängen, 9.000 Jahre alt, aus menschlichen Schädeln und Ton hergestellt. Der Kostümbildner vom „Schweigen der Lämmer“ hat sich bestimmt hier inspirieren lassen. Kurzerhand werfe ich mein Konzept „Alles durch Lesen, Hören, Gucken aufsaugen“ über Bord und entwerfe mein eigenes Motto, von dem ich mich nun durch die Ausstellungen leiten lassen will: Die archäologische Freakshow! Das mag ein historisch etwas schiefer und anachronistischer Ansatz sein, aber schnell merke ich, dass ich auf diese Weise mehr mitnehme, als wenn ich stur jede ausgewiesene Nummer in den Audioguide tippe.

Und das Tollste: In jedem Raum werde ich fündig, vor allem die Prähistorie geizt nicht mit Morbidem und Obszönem. Weibliche Figurinen stellen ihre Geschlechtsorgane schamlos zur Schau, undefinierbare Tierfiguren zieren Gefäße, eine Steinritzung bestätigt mir, dass die Blair Witch nicht nur die Ausgeburt eines amerikanischen Drehbuchautors ist. Chalkolithische Knochenkisten schauen mich an, als wollten sie mit ihrem toten Inhalt davonlaufen, ein römischer Ziegel wirkt durch sein engelsgleiches Gesicht, als würde er auf tönernen Schwingen davonfliegen. 

Was diese Jahrtausende alten Kulturen vereint, ist die Verbindung zu ihren Göttern, die sich in den menschgemachten Objekten widerspiegelt. Die meisten Gegenstände sind nicht einfach nur Gegenstände, sie haben Gesichter, Füße, Hände, Kreaturen kommen aus ihnen heraus oder sitzen obenauf. Alles ist beseelt, allem wird eine besondere Bedeutung verliehen. Diese Art der Kunst ist Ausdruck davon, wie die Menschen ihre Welt wahrgenommen und sich selbst als Teil dieser Welt, die der unseren doch so fremd ist, verstanden haben. 

Die Darstellung von weiblicher Fruchtbarkeit ist ebenfalls ein Thema, dass sich durch alle Kulturen des Nahen Ostens zieht. Aus feministischer Perspektive könnte ich mich jetzt beschweren: Da sieht man mal wieder, dass Kunst immer von Männern gemacht wurde, und deren sexuelle Vorlieben spiegeln sich dann in ihren Skulpturen wider. Aber das wäre natürlich zu einfach gedacht. Sexualität heißt Fortpflanzung heißt Weiterführen des Clans, der Sippe, der Dynastie, heißt Leben.

Wie ich heimlich gehofft habe, sind es schließlich die Römer, die meiner Begeisterung für männliches Fleisch entgegenkommen – allerdings nur in der Sonderausstellung zu Peter und Pan. Ein kunstvolles Relief zeigt den ziegenfüßigen Pan, wie er sich an einem Schaf vergeht. Da ist in 2000 Jahren viel passiert, bis der fliegende Peter Pan die Herzen der Kinderzimmer eroberte.

Bevor ich meinen Weg in modernere Kapitel der Geschichte fortsetze, halte ich inne. Was gelernt? Vielleicht keine konkreten Fakten. Sicher kein umfassendes Verständnis der nahöstlichen Kulturgeschichte. Aber in mir bahnt sich so etwas wie Sympathie oder zumindest eine Sensibilisierung für das Fremde an. Ich sehe ein 5000 Jahre altes Kunstwerk mit den Augen meiner Welt. Ich finde es hässlich, eklig, verstörend oder schön. Aber vielleicht in jener Kultur galt als schön, was ich hässlich finde. Oder vielleicht existierten diese Kategorien für den Künstler oder die Nutzer dieses Objektes überhaupt nicht. Vielleicht hatte es eine rein religiöse Bedeutung. Vielleicht brachte es Glück oder schützte vor bösen Geistern. 

Vielleicht sollte ich grundsätzlich öfter meine Perspektive wechseln.   

Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. CC sagt:

    Ein wunderbar leicht und humorvoll geschriebener Bericht. Außerdem regt er zum Nachdenken an und macht neugierig auf die Ausstellung – und auf weitere Beschreibungen der Erzählerin!

    Gefällt 1 Person

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