Maryleine aus Aizaria

am

Vor acht Wochen kam ich in Jerusalem an! Die Euphorie der ersten Tage und Wochen hat sich gelegt. Ich habe ein Zuhause auf Zeit gefunden, indem meine Arbeit im Café Auguste meinen Alltag strukturiert. Hier treffe ich täglich Menschen, die mich mit ihren Lebensgeschichten beeindrucken. Eine von Ihnen, die ich sehr ins Herz geschlossen habe, ist Maryleine Schultz.

Maryleine im Café Auguste, nachdem Sie zuvor im Auguste-Victoria Hospital war, wo Sie mit den kranken palästinensischen Kindern zweimal in der Woche ihre selbstausgedachten, wunderbaren Spiele spielt, um sie von ihrem Kummer abzulenken.

Maryleine kam im Sommer 1967. Wenige Wochen nach ihrer Ankunft erlebte Sie mit den Kindern, die Sie in einem Waisenhaus in Jordanien betreute, den Sechstagekrieg zwischen Israel und Ägypten, Jordanien und Syrien. Der Ausgang des Juni Krieges, der zur israelischen Besetzung des Westjordanlandes und zur Annektierung Ost Jerusalem führte, rückte Maryleines Waisenhaus in Aizaria (vormals Jordanien),nach der neu erkämpften Aufteilung Israels, zu Palästina. Damals gab es keine Mauer zwischen Palästina und Ost Jerusalem. Maryleine konnte noch mit ihren Kindern nach Haifa zum Baden im Mittelmeer fahren.

Die Zeiten änderten sich! Maryleine blieb! Mehr als 30 Jahre leitete Sie Ihr Waisenhaus und bis heute kümmert Sie sich um ihre vielen Kinder, die längst erwachsen sind, und um ihre große Enkelschar und um ihre fünf Ur-Enkel. Und um viele weitere Menschen, die bei ihr Zuflucht finden. So stelle ich mir einen Engel vor! Ihre Einladung zu einem gemeinsamen Mittagessen in ihrer kleinen Wohnung in Aizaria war mir eine große Ehre!

Am Sonntag gingen wir nach der Kirche zum arabischen Busbahnhof, warteten eine gefühlte Ewigkeit auf den Bus zum Checkpoint und den Rest des Weges mussten wir laufen.

Sie hatte schon alles vorbereitet. „Möchtest Du die Suppe warm oder kalt essen?“ fragte Sie mich. „Gerne kalt!“ rief ich. Es war ein heißer Tag! Sie freute sich, da Sie im Sommer immer alles kalt isst, um Gas zu sparen. Ihre größte Sorge ist aber das Wasser, was knapp ist. Oder oft gar nicht aus dem Hahn fließt. Die Palästinenser sammeln auf ihren Hausdächern in unzähligen großen schwarzen Behältern das Regenwasser. In den vergangenen acht Wochen hat es ein einziges Mal geregnet, denke ich, da kann sich im Sommer nichts ansammeln. Maryleine fängt jeden Tropfen Wasser in Schüsseln auf und verwertet es wieder. Sie hat in den vergangenen fünfzig Jahren in Palästina eine große Angst vor Wassermangel entwickelt. Und auch eine Wut! Sie kauft keine Kirschen, weil diese von israelischen Siedlern im besetzten Gebiet angepflanzt werden und die dafür genug Wasser erhalten. Die arabischen Bewohner der gleichen Region haben nicht genug Wasser für Menschen, Tiere und Gärten. Wenn das Wasser aus den Zisternen aufgebraucht ist, müssen die Palästinenser Tankwagen kommen lassen und teuer für das lebensnotwendige Wasser bezahlen. Die Verteilung des Wassers obliegt den Israelis. Seit Jahren werfen die Palästinenser den Israelis vor, Ihnen nicht genügend Wasser zu liefern.

Wir essen die Suppe und Maryleine lässt mich raten, was drin ist. Ich tippe, mehr wegen der grünen Farbe, auf Zucchini! „Es sind Kakteenblätter und getrocknete Brennnesseln. Protein und Calciumreich!“ erklärt sie mir. Und dann erfahre ich von ihr viel über gesunde Ernährung und ökologischen Weinbau. Sie kommt aus einer Winzerfamilie im Elsass und erbte vor vielen Jahren 3 Hektar Wein. Sie weigerte sich, diesen mit Pestiziden behandeln zu lassen, was die französische Verwandtschaft in Aufruhr versetzte. Sie hat sich, trotz der Entfernung zu ihrer Heimat, dort durchsetzen können und inzwischen betreibt die nächste Generation einen Biohof.

Sie erzählte mir noch viele berührende Geschichten von ihren Kindern und von sich selbst an diesem Nachmittag. Vor Anbruch der Dunkelheit wollte ich zurück in Ost Jerusalem sein. „ Rein lassen sie ja jeden ins Terroristenland!“ spottete Maryleine. „Aber raus?!“ Ich musste den Rückweg nun alleine gehen.

Am Checkpoint fand ich noch eine Spur von Maryleine, die sie dort hinterlassen hat. Vor vier Jahren pflanzte sie aus eigener Initiative ein paar winzige Bäume direkt an den Grenzzaun. Seitdem trägt Sie das kostbare Wasser täglich zum checkpoint und gießt ihre Schützlinge. Vor zwei Jahren beobachtete Sie, wie ein israelischer Grenzsoldat brennendes Benzin über ihre Pflanzen gegossen hat. Sie schrie ihn an, was er da tue! Das sei gut gegen die Schlangen! war seine Antwort. Sie schrie und schrie! Als sei Sie verrückt geworden. Seit dem Tag grüßt der Soldat Maryleine freundlich und Sie vermutet manchmal, das er sogar ihre Bäume mit Wasser begießt.

Wer mehr über das Leben von Maryleine erfahren möchte, sollte ihr Buch lesen.

Maryleine Schultz,

Die Waisenkinder von Bethanien

35 Jahre auf der Westbank

Lamuv Verlag

5 Kommentare Gib deinen ab

  1. CC sagt:

    Ein schöner Bericht, der mich sehr berührt hat.
    Der Wunsch in mir, Dich in Jerusalem zu besuchen wächst und wächst!
    Auf jeden Fall wünsche ich Dir alles Gute und noch viele liebevolle Begegnungen!

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  2. Hanna sagt:

    Eine eineindruckende Frau.

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  3. Anne Isermeyer sagt:

    Wie immer sehr sehr interessant, liebe Nicole! Und sehr berührend! Wieder so ein Neugierde erweckender Beitrag ! Das Buch werde ich kaufen

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  4. Nadja sagt:

    Sehr berührend, liebe Nicole. Ich wünsche Dir weiterhin eine eindrucksvolle Zeit und freue mich auf deinen nächsten Bericht.

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  5. Annegret sagt:

    Vielen Dank für diese berührende und hoffnungsvolle Geschichte. Eine starke Frau.

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