Fisch-Curry auf dem Ölberg

Nach einigen schönen Tagen mit meiner Freundin Hanna in Jerusalem und Tel Aviv schrieb Sie mir zum Abschied ihre ganz persönlichen Eindrücke von ihrem Besuch bei mir auf. Danke Hanna! Und ich freue mich, ihre Gedanken hier mit Euch teilen zu dürfen.


Wer eine Reise macht, überlegt sich in der Regel genau, was man mitnimmt. Und was man mit zurückbringen wird. Mich hat das beschäftigt, als ich vor knapp zwei Wochen zu meinem Besuch bei Nicole Christiansen in Israel aufbrach. Einem Land, das ich nicht kannte? Einem Land, das so entfernt ist und doch sehr nah. Einem Land, das an seiner Grenze eine Mauer gebaut hat. Einem Land, in dem Tausende Jahre Geschichte und Religion genau so zum Alltag gehören wie Konflikte, Raketenangriffe und bewaffnete Soldaten auf der Straße. In dem sie stolz sind, Hebräisch zu sprechen und trotzdem alle Englisch können. In dem gern und gut gegessen wird. Und – auch nicht unwichtig – in dem Anfang November noch knapp 30 Grad herrschen.
Ein kleiner Koffer reichte. Ich wollte alles auf mich zu kommen lassen. Einige Bücher waren mitzubringen, für Nicoles Literaturkreis. War ja klar, dass die Buchhändlerin aus Ottensen auch während des Sabbaticals in Jerusalem mit Lesen beschäftigt ist.

Zur Sicherheit hatte ich außer Praktischem und Reiseführern einige Rezepte im Gepäck. Gut so. In vielen Nachrichten von Nicoles Wirkungsstätte auf Zeit im Café Auguste Viktoria (benannt nach der Ehefrau von Deutschlands letztem Kaiser Wilhelm II. und Teil des Evangelische Pilger- und Begegnungszentrums der Himmelfahrtkirche) war es häufig um das After-Work-Dinner gegangen. Immer Mittwochs kocht das Café-Team zusätzlich zum normalen Betrieb — und die deutsche Community trifft sich auf dem vom Lutherischen Weltbund betriebenen Auguste-Viktoria-Komplex auf dem Ölberg im (arabischen) Osten Jerusalems. Mehr als 3000 Kilometer Luftlinie entfernt in Hamburg war das kaum mehr als eine Randnotiz. Bis ich auf dem Ölberg ankam. Das Fisch-Curry, über das ich ziemlich forsch in einer Nachricht geschrieben hatte, war schon als Hauptgericht des Drei-Gänge-Menüs angekündigt. Drücken? Ging gar nicht!
Und so saß ich zwei Tage vor dem Abendessen nach dem Besuch von Grabeskirche und Klagemauer auf der Terrasse von Nicoles kleinem Appartement direkt neben dem Café, multiplizierte die Zutatenliste meines Rezepts mal acht. Oder doch lieber mal zehn? Und versuchte, mir die zunehmende Panik nicht anmerken zu lassen. Bis zum wöchentlichem Großeinkauf im arabischen Supermarkt am nächsten Morgen musste die Liste stehen. Die Café-Chefin war voller (Gott-)Vertrauen. Immerhin. Das lernt man hier schnell. Inzwischen hatte ich nicht nur Beate und Teresa, die beiden jungen Volontäre kennengelernt, die mit Nicole den Café-Betrieb ganz großartig schmeißen.

Sondern auch einige Frauen aus der deutschen Expatriates-Gemeinde, die sich samt (Groß) Familien für den Abend angemeldet hatten. Das gemeinsame Essen im wunderschönen Café-Garten entpuppte sich als einer der Fixpunkte im Wochenkalender der deutschen Community.


Vier Stunden vor dem offiziellen Beginn stand ich in der Küche. Getrieben von dem Gefühl anfangen zu müssen. Wir schnippelten gemeinsam Fisch, Gemüse und alles, was das — immerhin erprobte — Rezept aus der Süddeutschen Zeitung sonst noch verlangte. Ich rührte mit steigendem Adrenalin-Spiegel im Zehn-Liter-Kochtopf, schließlich ging es nicht um eine private Esseneinladung. Die Gäste sollten bezahlen für das, was sie auf den Teller bekamen! Das Café-Trio kochte derweil ganz selbstverständlich noch ein veganes Gericht und deckte die Tische. Eine halbe Stunde vor dem offiziellen Beginn waren die ersten hungrigen Besucher da.


Da kann man doch mal einen Schweißausbruch bekommen, oder? Schließlich sind wir in Israel, wo angeblich alle mindestens eine halbe Stunde später kommen. Das Verblüffende: Nicole hatte nicht nur noch schnell den Küchenboden gewischt. Sie begrüßte auch alle mit einem strahlenden Lächeln und natürlich persönlich, kannte die Eigenheiten der Kinder und servierte schon mal die Vorspeise. Um es vorwegzunehmen, es wurde ein wunderbarer Abend für mich. Die Menschen saßen zusammen. Kirchenleute, Entwicklungshelfer, Archäologen, einige palästinensische Patienten des benachbarten Auguste-Viktoria-Hospitals. Viele Kinder. Es wurde viel geredet und gelacht.


Miteinander ins Gespräch kommen, darum geht es in diesem Land immer und immer wieder. In Israel gibt es keine einfachen Wahrheiten. Es ist wie bei den Mosaiken am Felsendom: Sie setzt sich aus vielen schillernden Steinchen zusammen . Das Bild ist für den einen anders als für den anderen. Die Auseinandersetzung, mit dem was die Idee eines jüdischen Staats und das heutige Israel ausmacht, kann nicht unberührt lassen. Das hat natürlich mit der deutschen Schuld zu tun, aber ist viel mehr als das.
Es wurde spät an diesem Abend. Die Töpfe leerten sich. Und einige Weinflaschen. Und mir wurde klar: Für die Menschen, die in der Fremde einen Dienst leisten, sich in diesem schwierigen Land für Frieden und Freiheit engagieren, ist der Heimatabend eine Verschnaufpause. Das christliche Auguste-Viktoria-Café mit dem Team Nicole, Beate und Teresa und Pastorin Gabriele Zander ist mehr als ein Ort, an dem es leckeren Kuchen, guten Cappuccino und eine Suppe aus dem neusten Ottolenghi-Kochbuch gibt. Es ist Treffpunkt, Vernetzungsstelle, ein Raum, in dem man sich begegnen kann. Ein bisschen wie die Buchhandlung Christiansen in Ottensen. Es war sehr schön und aufregend, für einen Moment Teil dieser Geschichte gewesen zu sein. Jetzt werde ich sortieren, was ich mit zurückgebracht habe.


Hanna-Lotte Mikuteit

Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. Annegret sagt:

    Vielen Dank für diesen lebendigen und herzlichen Bericht von Ihrem Besuch. Liebe Frau Christiansen, ich wünsche Ihnen und Ihren Besuchern eine intensive und schöne Zeit mit vielen interessanten Begegnungen. Herzliche Grüsse.

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